4,7 / 5 - basierend auf 850+ Google Bewertungen
Ein Großteil des medizinischen Wissens basiert nach wie vor auf dem männlichen Körper. Dabei unterscheiden sich Männer und Frauen nicht nur äußerlich, sondern auch in Stoffwechsel, Hormonen und Krankheitsverlauf. Wenn das nicht berücksichtigt wird, kann das schwerwiegende Folgen für Frauen haben.
Weiterlesen unter dem Bild.

Lange Zeit galten Männer in der wissenschaftlichen Forschung als Maßstab. Sowohl bei Menschen als auch bei Tieren richtete sich die Forschung vor allem auf den männlichen Körper. Die Entscheidung, Frauen weniger einzubeziehen, hatte verschiedene Ursachen.1
Schon seit der Antike werden Frauen oft als unvollständige Version des Mannes gesehen. So dachte Hippokrates, dass Frauen schlicht Männer mit nach innen gekehrten Geschlechtsorganen seien. Auch wenn wir es inzwischen besser wissen, hält sich die Vorstellung, der Mann sei die Norm, immer noch unbewusst.
Lange Zeit wurde angenommen, dass Frauen nahezu genauso funktionieren wie Männer, außer an den Stellen unter der Badekleidung. Dadurch blieb wenig Aufmerksamkeit für andere biologische Unterschiede, die mindestens ebenso wichtig sind.
Frauen wurden oft ausgeschlossen, weil ihre hormonellen Schwankungen mehr Variationen in den Forschungsergebnissen erzeugen könnten. Forschende entschieden sich lieber für eine homogene Gruppe – junge, weiße Männer –, um schneller klare Ergebnisse zu erhalten. Dadurch passten die Resultate jedoch weniger gut zur gesamten Bevölkerung.
Aus Angst vor Risiken in der Schwangerschaft wurden Frauen lange Zeit von der wissenschaftlichen Forschung ausgeschlossen. Nach Skandalen um Medikamente während der Schwangerschaft wurden die Regeln noch strenger. Erst seit den 90er Jahren wird die Teilnahme von Frauen aktiv gefördert, und seit 2014 ist es in der EU verpflichtend, Männer énd Frauen in neue Studien zu Arzneimitteln einzubeziehen.

Männer und Frauen unterscheiden sich nicht nur im Aussehen, sondern auch in Genen, Hormonen, Stoffwechsel und darin, wie sich Krankheiten entwickeln. Diese biologischen Unterschiede können großen Einfluss auf Gesundheit, Beschwerden und die Wirkung von Behandlungen haben. Deshalb ist es wichtig, dass die wissenschaftliche Forschung Männer und Frauen nicht über einen Kamm schert.
Frauen haben meist zwei X-Chromosomen (XX) und Männer ein X- und ein Y-Chromosom (XY). Dadurch sind Männer anfälliger für genetische Veränderungen auf dem X-Chromosom, da ihnen ein zweites Exemplar fehlt, um Fehler auszugleichen.2 Auch scheint das Geschlecht Einfluss auf das An- und Abschalten von Genen in Zellen zu haben, was Folgen für zahlreiche Gewebe im Körper haben kann.3
Ob Männer und Frauen unterschiedliche Ernährung benötigen, liest du in einem früheren Blog.
Männer und Frauen bilden dieselben Hormone, aber in unterschiedlichen Mengen. Bei Männern ist Testosteron dominant, während Frauen mehr Östrogen und Progesteron produzieren. Frauen erleben außerdem stärkere hormonelle Schwankungen, etwa während des Menstruationszyklus, der Schwangerschaft und den Wechseljahren. Östrogene scheinen Frauen in ihren fruchtbaren Jahren vor Knochenproblemen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu schützen. Nach den Wechseljahren verschwindet dieser schützende Effekt.
Mehr über die Hormonbalance bei Frauen liest du in unserem bereits erschienenen Blog.
Frauen haben im Durchschnitt einen langsameren Stoffwechsel als Männer. Das bedeutet, dass sie Nährstoffe und Arzneimittel oft langsamer aufnehmen, abbauen und ausscheiden. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: Frauen sind meist kleiner und leichter, haben relativ mehr Fettgewebe und weniger Muskelmasse, und ihre Hormone beeinflussen, wie Stoffe im Körper verarbeitet werden.4 Auch verarbeiten Frauen manche Stoffe langsamer, weil bestimmte Prozesse in Leber und Nieren anders ablaufen.
In einem früheren Blog beantworten wir die Frage ob Männer und Frauen unterschiedlich auf Koffein reagieren.

Krankheiten können sich bei Männern und Frauen unterschiedlich äußern. Genetische und hormonelle Unterschiede beeinflussen, wie Körperzellen funktionieren und wie Beschwerden auftreten.3,5 So haben Frauen bei Herzproblemen häufiger Beschwerden an den kleinen Blutgefäßen rund ums Herz, während Männer eher mit verengten Herzkranzgefäßen zu tun haben.6,7
Auch die Symptome unterscheiden sich: Bei einem Herzinfarkt haben Frauen häufiger Beschwerden wie Atemnot, Übelkeit, Müdigkeit oder Schmerzen zwischen den Schulterblättern, während Männer häufiger den klassischen drückenden Brustschmerz verspüren.8
Männer und Frauen scheinen Schmerzen auf unterschiedliche Weise zu verarbeiten.9 Bei Frauen spielen oft andere Zellen und Botenstoffe eine Rolle, und hormonelle Schwankungen können Schmerzen verstärken. Testosteron scheint bei Männern eine schützende Wirkung zu haben, während Schwankungen im Östrogen Schmerzen bei Frauen eher verschlimmern können. Auch werden Schmerzen bei Frauen regelmäßig unterschätzt, wodurch Beschwerden weniger schnell erkannt oder behandelt werden.
Wenn Forschung vor allem auf Männer ausgerichtet ist, bleiben wichtige Unterschiede zwischen Männern und Frauen unbemerkt. Das kann große Folgen für die Gesundheit von Frauen haben.
Einige Beispiele:
Mehr wissen? Lies auch unseren Blog warum Frauen älter werden als Männer.
Männer und Frauen sind nicht nur äußerlich anders aufgebaut, sondern auch im Inneren – und dieser Unterschied ist wichtig. Indem mehr Frauen in wissenschaftliche Studien einbezogen und Geschlechtsunterschiede berücksichtigt werden, können Diagnosen schneller gestellt, Behandlungen besser angepasst und Nebenwirkungen verringert werden. Wissen ist Macht: Je besser wir die Unterschiede verstehen, desto besser wird die Versorgung für alle.
